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 Betreff des Beitrags: Zu traurig, um wütend zu sein; zu wütend, um traurig zu sein
BeitragVerfasst: 14.05.2007, 15:02 
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Registriert: 14.05.2007, 14:12
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Ich habe am 15. Februar 2007 die Liebe meines Lebens verloren, meinen besten Freund. Zuvor waren wir etwa vier Jahre "zusammen". Leider war er verheiratet, hatte eine kleine Tochter und das wird schon reichen, um diesen Mann zu verurteilen. Aber kaum einer kennt die ganze Geschichte.

Nachdem wir die letzten zwei Jahre "nur" noch befreundet waren und fast ausschließlich telefonischen Kontakt hatten, entwickelte sich im letzten Viertel Jahr wieder mehr daraus. Ich hatte ihm zuvor alle Freiräume gelassen und für mich das gleiche Recht eingeräumt. Da er in einer anderen Stadt wohnte, war es auch keinem von uns möglich, den anderen zu kontrollieren, was wir früher ständig versuchten. Wir waren erwachsen geworden. Das fühlte sich gut an.
Ich schöpfte wieder Hoffnung; ER machte mir Hoffnung. Nichts ließ darauf schließen, was mich nach seinem Tod erwartete.

Vor etwa drei Jahren war er definitiv ausgezogen, lebte alleine, von seiner Familie getrennt. Warum wir es in der Zeit nicht geschafft haben, endgültig zusammenzukommen, weiß ich nicht. Die Entfernung zu ihm und die Nähe seiner Familie waren keine guten Voraussetzungen. Auch hatten wir uns in der Vergangenheit zu oft und intensiv verletzt. Während ich lernte, zu verzeihen und die Vergangenheit ruhen zu lassen, konnte er das Vergangene nicht loslassen. Im Spätsommer letzten Jahres kam dann der Cut von seiner Seite aus. Doch dieser währte nicht lange. Keine zwei Wochen später rief er mich wieder an. Wir konnten einfach nicht voneinander lassen. Ich war seine große Liebe, er meine.
Wir kamen uns immer näher, er besuchte mich wieder, wollte mich bald öfter und auch länger sehen.
Am Valentinstag hatten wir unser letztes Telefongespräch. In diesem sagte er mir, daß er sich irgendwie alt fühlen (41) und er das Gefühl nicht loswerden würde, daß uns die Zeit davonrennen würde. Nachdem wir aufgelegt hatten, rief er mich kurze Zeit später erneut an, nur um mir zu sagen, wie außergewöhnlich schön unser Gespräch war und das er mich lieben würde und mich lieb hätte.
Am nächsten Morgen schrieben wir, wie jeden Tag, Emails. Ab mittags bekam ich keine Antwort mehr. Mir wurde gegen 14Uhr plötzlich so schwindelig, daß ich befürchtete, umzukippen. Mein Kollege kam mir besorgt zur Hilfe. Nachmittags fuhr ich mich einem unguten Gefühl nach Hause. Ich rief ihn im Büro an, doch niemand nahm ab. Das alles war nichts ungewöhnliches, da ihn seine Arbeit sehr einnahm. Ich wartete auf seinen Anruf. Vergeblich. Ich wußte, daß etwas sehr schlimmes passiert sein mußte. Ich wußte es einfach. Nachts wachte ich unter Tränen auf, bekam keine Luft mehr. Am nächsten Morgen versuchte ich ihn weiter zu erreichen, rief im Krankenhaus an.
Endlich ging sein Kollege an sein Telefon. Mir war klar, daß das nichts Gutes zu bedeuten hatte. Der Kollege wollte mich gleichh zurückrufen. Als er das nicht tat, rief ich abermals an. Diesmal ging sein Chef an seinen Apparat. Dieser konnte mir nur mit sehr gebrocher Stimme mitteilen, daß (...) "Herr S. gestern leider verstorben ist"(...). Er sei gegen 14Uhr einfach tot von seinem Bürostuhl gefallen und man konnte ihn nicht mehr zurückholen. Ich brach vollends zusammen, schrie immerzu "Nein, nein". Mein Chef und Kollegen versuchten mich aufzufangen, brachten mich nach Hause, wo meine Mutter und meine beste Freundin auf mich warteten.
Für mich brach eine Welt zusammen. Ich wollte aus diesem nicht endenwollenden Albtraum aufwachen. Wir wollten doch gerade neu anfangen. Ich wollte ohne ihn nicht weiterleben.

Nichtsdestotrotz wolllte ich verhindern, daß seine Familie abermals mit mir konfrontiert wird und rief seinen Chef an. Ich bat ihn, in seinem Schreibtisch nachzuschauen, denn ich erinnerte mich, daß dort eventuell noch zwei Fotos von mir/uns drinnen sein könnten. Das mußte die Familie nicht auch noch ertragen.
Der Chef fand die Fotos und rief mich zwei Tage später wieder an, um sich zu erkundigen, wie es mir ginge. Im Laufe unseres Gespräches wurde er zunehmend ernster, bis er meinte, daß er mir was wichtiges sagen müßte. Es stellte sich heraus, daß all meine Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft nur Schall und Rauch waren. Denn die Liebe meines Lebens war gut anderthalb Jahre zuvor zu seiner Familie zurückgegangen und hat das sehr geschickt mit unendlich vielen Lügen und Ausflüchten zu kaschieren gewußt.

Ich ahnte die ganze Zeit über, daß etwas nicht stimmte und sagte mir und auch ihm immer wieder, daß es sein Problem wäre, wenn er lügen müßte. Ich wollte es nicht mehr zu meinem machen.
Aber das war noch nicht alles. Anfang Dezember war er zum zweiten Mal Papa geworden...
Meine Reaktion war nur, daß ich wissen wollte, wie die zweite Tochter denn heißen würde...

Mittlerweile habe ich zusammen mit seinem Chef das Grab besucht. Ich habe weder an der Andacht, noch an der Urnenbeisetzung teilgenommen...aus Rücksicht zu seiner Familie. All die "normale" Trauerarbeit fehlt mir zunehmend. Ich weiß bald nicht mehr wohin mit all meinen gegensätzlichen Emotionen. Ich möchte wieder leben, lachen, unbeschwert sein..doch schlußendlich fehlt mir dieser miese Hund ganz einfach nur (was viele nicht verstehen mögen). Was soll man tun, wenn Herz und Verstand sich nicht einigen können? Ich weiß, was richtig und was falsch, was gut und weniger gut für mich ist. Doch langsam zerreißt es mich.

Vielleicht treffe ich ja hier auf ein offenes Ohr...


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BeitragVerfasst: 14.05.2007, 16:25 
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Hallo Pi_ci,

ich bin überwältigt von deinem Eintrag. Ich muss das alles erstmal sacken lassen.

Zitat:
doch schlußendlich fehlt mir dieser miese Hund ganz einfach nur (was viele nicht verstehen mögen).


Ich verstehe Dich nur zu gut. Natürlich fehlt er dir. Mir kommt es so vor, als wäre er die Liebe Deines Lebens gewesen. Vielleicht irre ich mich ja auch. Aber dass es dich jetzt "zerreisst" - das ist klar. Du hast ihn verloren. Und das alleine ist ja schon schlimm genug. Aber mir scheint, du hättest auch noch was zu klären gehabt. Und die Chance hast du jetzt natürlich nicht mehr. Das macht es alles noch komplizierter.

Ich wünschte, ich könnte dir hier ein Patentrezept geben. Aber ich habe keines. Doch was ich habe: alles Verständnis und alles Mitgefühl dieser Welt für Dich :!:

Zitat:
Was soll man tun, wenn Herz und Verstand sich nicht einigen können?


Da hast du nur eine Chance: und die ist nicht besonders angenehm: abwarten - und hoffen, dass du dir im Laufe der Zeit klarer wirst.

Ich melde mich noch.

_________________
Wir gehen nicht unter in den Kämpfen, die wir verlieren, sondern in denen, die wir gar nicht erst antreten


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BeitragVerfasst: 14.05.2007, 17:20 
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Das mit dem Klären ist DER Punkt. Und zudem dieses Ausgeschlossensein. Außerdem tut es höllisch weh, daß sich jeder ein Urteil über ihn bildet, obwohl sie ihn zum Teil noch nicht mal persönlich gekannt haben. Nenn mich naiv, aber er war kein schlechter Mensch. Schlußendlich war er auch zerrissen. In seiner Todesanzeige stand: Sein Lebenslicht brannte von beiden Seiten...
Passender ging es kaum.
Dadurch daß er mich am Ende so hintergangen hat, ist für die meisten das "Thema" erledigt. Sie denken, daß ich doch froh sein kann, weil ich so wieder frei bin. Tatsächlich wären wir wohl nie voneinander losgekommen. Doch das wäre MEINE Entscheidung gewesen. So wurde mir die Entscheidung einfach genommen und mittlerweile weiß ich nicht mehr, an wen ich mich mit meinen Gedanken wenden soll, weil kaum einer mich versteht. Natürlich haben alle ihr Päckchen zu tragen und so holt jeden der Alltag wieder ein. Ich bin ja schließlich nicht der Mittelpunkt des Universums. Aber seine Frau zB wird von der Familie und den gemeinsamen Freunden aufgefangen. Und ich steh alleine da. Die einzige Person, welcher ihn sehr gut kannte und sich um mich kümmet, ist sein Chef (was ich ihm sehr hoch anrechne!).
Wie gesagt, mir schwirrt der Kopf. Ich habe mich auch schon um eine Selbsthilfegruppe bemüht bin in meiner Stadt aber noch nicht fündig geworden. Somit bin ich dann hier gelandet und hoffe auf Linderung, indem ich über mein Schicksal einfach nur reden kann...


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BeitragVerfasst: 14.05.2007, 19:35 
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Hallo Du Armer,

das ist wirklich eine sehr traurige Situation, in der Du steckst. Nicht nur, dass Du ihn verloren hast und deshalb trauerst. Das alleine ist ja schon fast zuviel für einen Menschen. Hinzu kommt, so wie ich das hier rauslese, dass Du nicht an jemanden wenden kannst in Deinem Familien-oder Bekanntenkreis, der Dich versteht. Deshalb beneidest Du wohl auch ein wenig seine Frau. Außerdem sind da noch ungeklärte Dinge zwischen Dir und ihm.

Ich will's mal ganz hart sagen: Diese Dinge werden auch immer ungeklärt bleiben. Du hast einfach keine Chance mehr, das mit ihm zu bereinigen.

Jetzt also hast Du in diesem Punkt zwei Möglichkeiten, so wie ich das sehe: Du haderst mit diesem Punkt und - hast nichts gewonnen. Oder Du versuchst, dieses Ungeklärte irgendwie abzuhaken. Frag mich bloß nicht, wie das gehen soll, das weiss ich nämlich auch nicht :cry: Ich würde es Dir jedenfalls wünschen. Die anonymen Alkoholiker haben einen tollen Spruch. Der geht ungefähr so:

Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

Dinge zu ändern, die ich ändern kann,

und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Ich weiss, das ist alles so einfach gesagt. Aber ich denke trotzdem, dass Du nicht weiterkommst, wenn Du jetzt z.B. anfangen würdest zu grübeln.

Das Wichtigste ist jetzt erstmal, dass Du an DICH DENKST! Pflege Dich, bemitleide Dich, weine um ihn und die Situation.

Vielleicht wird es Dir helfen.

Kopf hoch, Du schaffst das. Wir haben es hier alle irgendwie geschafft. Oder sind noch dabei.


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BeitragVerfasst: 14.05.2007, 19:59 
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Ja, ich weiß, daß ich es abhaken sollte. Genau das versuche ich gerade. Und ja, ich weiß, daß vieler meiner Fragen unbeantwortet bleiben. Und nochmals ja, ich "beneide" seine Frau. Aber ich habe auch Mitgefühl für sie. Sie muß jetzt mit zwei Kindern alleine zurecht kommen und die Kinder werden ohne ihren Vater aufwachsen müssen. Das tut mir alles sehr leid, weil ich auch weiß, wie es ist, den Vater zu verlieren. Er starb, weil er Alkoholiker war und somit kenne ich den Spruch, welchen ich sehr schön und hilfreich finde. Leider habe ich den Glauben an Gott irgendwie verloren :( .

Ich habe die letzten Wochen versucht, mit allem zurecht zu kommen. Ich bin unter Leute gegangen, habe offen über meine Gefühle gesprochen, einfach nur an mich gedacht. Doch nun scheine ich am Ende meiner Kräfte und stoße eben auf Unverständnis, wenn ich "das Thema" anspreche. Das ist sehr schwer und schmerzlich für mich.

Im Moment hilft es mir außerordentlich, hier meine Gedanken niederzuschreiben und auf Reaktionen zu treffen, wofür ich mich bedanken möchte. Es scheint, daß es mir ein wenig leichter wird dadurch.

Ich habe kürzlich auch einen sehr ergreifenden Spruch gelesen:

(...) Bedenkt: den eigenen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod des anderen, muß man leben."


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BeitragVerfasst: 15.05.2007, 22:51 
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Heute war einer jener Tage, an dem einen des öfteren die Ernüchterung wie eines Faustschlag ins Gesicht traf...an dem man für einen Bruchteil einer Sekunde begreift, daß er tatsächlich nicht mehr da ist...
Ich ertappte mich dabei, wie mir für einen kurzen Moment der Gedanke kam, was ich ihm bei unserem nächsten Telefonat erzählen muß...und dann...BUMM :twisted: ...holt einen die Realität wieder ein...es raubt mir die Luft, droht mich zu ersticken... Fassungslos versuche ich die Endgültigkeit zu akzeptieren...doch es will mir nicht gelingen... Wie soll man etwas so unendliches begreifen? Kann sich einer das Ende des Universums vorstellen...ich meine wahrhaftig :roll: ??? Da muß man ja irgendwann daran zerbrechen... :(
Ich weiß einfach nicht, wie ich es ohne ihn schaffen soll :cry: . Er fehlt mir furchtbar...


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BeitragVerfasst: 19.05.2007, 18:26 
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Ich fühle mich verdammt alleine. Ich möchte so gerne mit ihm reden. Dieses Bewußtsein, daß das nie wieder möglich sein wird, schmerzt zutiefst.
Gestern habe ich das erste Mal nach sehr, sehr langer Zeit wieder gebetet. Ob es was gebracht hat? Ich weiß es nicht. Warum ich es getan habe? Keine Ahnung. Ich wollte der Liebe meines Lebens wohl irgendwie näher sein. Schlußendlich habe ich nur bitterlich geweint und fühlte mich hoffnungslos und furchtbar einsam.


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