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 Betreff des Beitrags: Erst zwei Wochen geschafft
BeitragVerfasst: 29.08.2007, 10:59 
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Registriert: 29.08.2007, 07:26
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Vor zwei Wochen und zwei Tagen ist mein Schatzi gestorben! Nach fast 20 gemeinsamen Jahren ist er völlig unerwartet vor meinen Augen umgefallen. Das war der erste Herzinfarkt. Wir haben es noch bis zum Krankenhaus geschafft, wo er zum zweiten Mal reanimiert wurde. Am Abend - nachdem ich schon nicht mehr bei ihm war - kam der zweite Herzinfarkt und nahm ihn für immer. Er war zwischendurch nicht mehr bei Bewusstsein. Ich konnte mich nicht richtig verabschieden und unsere Tochter (11) auch nicht.

Seitdem dreht sich die Welt nur noch wie durch Gelee. Ich weiß nicht, wie ich die Woche bis zur Beerdigung überlebt habe. Ich weiß, was ich danach gemacht habe, aber nicht wie. Es gibt Phasen, bei denen das Organisatorische so Überhand gewinnt. Dann denke ich nicht, nein ich fühle die Frage: "Mache ich es richtig? Was wird er sagen, wenn er wieder da ist?" Ich hatte schon zuversichtliche Stunden. Aber nachts wache ich fast stündlich auf und erlebe den Schreck ständig wie ganz neu. Ich hätte nie gedacht, dass Trauer körpelich schmerzt! Der Magen flattert, die Brust sticht. Ich habe immer Hunger, kann aber nicht essen. Bin sowieso schon zu dünn und habe noch 3 kg abgenommen. Ich funktioniere nur noch für meine Tochter.
Sie ist zum Glück irre stark, verarbeitet den Verlust in Gesprächen mit ihrem Papa, umarmt abends seine Hose zum Gute-Nacht-Sagen und malt Comics über seine Aufgaben im Himmel ("PC-Chef"). Ich bin so erleichtert, dass wenigstens sie damit umgehen kann.
Ich kann es nicht. Ich liege abends im Bett, rieche an einem gebrauchten Shirt von ihm, traue mich nicht, die Bettwäsche zu wechseln und möchte am liebsten gar nicht mehr aufstehen.
Mein Mann war seit 3 Jahren im Vorruhestand, ich selbst nicht beruftstätig. Wir waren rund um die Uhr zusammen. Das konnte nerven... Aber jetzt fehlt mir mein halbes Leben! Meine andere (bessere?) Hälfte ist weg! Das Haus ist leer, sobal die Kleene zur Schule ist. Jetzt könnte ich alles tun, was ich will - aber für wen?
Die Selbstvorwürfe (hätte ihn noch mehr zu gesundem Essen und Sport treiben müssen), die Schuldgefühle (habe zu oft gezickt), das schlechte Gewissen (wenn er schon sooo krank war, hätte ich ihm doch wenigstens noch ein Bier gönnen können) usw. überrollen mich regelmäßig. Dann der Gedanke, dass ich nie gut genug war. Es gab Punkte in unserem Zusammenleben, bei denen er vielleicht mehr von mir erwartet hätte. Es war mir oft zu unbequem, darüber nachzudenken. Und er war nicht der Typ für ein offenes Wort. Soviel hätte noch gesagt werden müssen.
Zum Glück hatten wir noch ein Gespräch, in dem ich nochmal ganz ausdrücklich sagen konnte, dass er meine große Liebe ist. Aber wie sehr habe ich auf eine Antwort gewartet. Alle sagen jetzt, wie sehr er mich geliebt hat, wie ideal unsere Ehe war... Wer kann das schon beurteilen. Ich wollte ihn immer nur glücklich machen, aber ich weiß nicht, ob mir das gelungen ist.
Jetzt hoffe ich jeden Abend, von ihm zu träumen. Ich weiß auch, dass möglicherweise geträumte Gespräche nicht von ihm sondern aus mir kämen.
Vielleicht könnten sie trotzdem trösten. Aber leider träume ich meistens, dass ich ihn retten kann. Er fällt immer wieder vor meinen Augen um, ich küsse ihn, ich stütze ihn, ich rette ihn. Aber anders als früher nach einem schönen Traum, stürze ich jetzt bei jedem Aufwachen in einen neuen Abgrund.


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 29.08.2007, 17:27 
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Registriert: 13.08.2007, 07:43
Beiträge: 19
Wohnort: Berlin
Zitat:
Jetzt hoffe ich jeden Abend, von ihm zu träumen. Ich weiß auch, dass möglicherweise geträumte Gespräche nicht von ihm sondern aus mir kämen.
Vielleicht könnten sie trotzdem trösten. Aber leider träume ich meistens, dass ich ihn retten kann. Er fällt immer wieder vor meinen Augen um, ich küsse ihn, ich stütze ihn, ich rette ihn. Aber anders als früher nach einem schönen Traum, stürze ich jetzt bei jedem Aufwachen in einen neuen Abgrund.


Liebe Stine,

ich weiß, was Du gerade durchmachst und kann sehr mit Dir fühlen. Es IST die Hölle auf Erden und es zerreißt einen mitunter körperlich...
Was Du zur Zeit träumst, ist Dein innigster Wunsch, nämlich der, ihn zu retten. Es ist Dein "Schuldbewusstsein", was Dir diese Träume macht. Du hättest ihn nicht retten können, wenn es nicht mal die Ärzte im Krankenhaus konnten!

Und ganz sicher HAST Du Deinen Mann glücklich gemacht. Hast Du an seinem Krankenbett noch zu ihm gesprochen? Ich frage deshalb, weil er Dich wahrscheinlich gehört hat, auch wenn er nicht antworten konnte!

Mein Mann lag Stunden vor seinem Tod im Schmerzmittel-Rausch und konnte mir ebenfalls nicht mehr antworten. Aber ich habe ihm alles gesagt, was ich ihm noch sagen wollte und mich von ihm verabschiedet. Ich bin sicher, er hat es gehört...
Auch ich habe wochenlang die letzten schlimmen Bilder nicht aus dem Kopf bekommen. Aber irgendwann habe ich angefangen, mich an die wunderschönen Zeiten zu erinnern. Da verblassten die schrecklichen Bilder langsam. Mein Mann fehlt mir auch heute, nach 14 Monaten, immer noch so sehr. Manchmal falle ich immer noch in ein tiefes Loch. Aber es geht ganz langsam wieder bergauf...

Dein Mann wird immer bei Dir sein, in Deinem Herzen. Und er wird über Euch wachen und für Euch da sein, wenn Ihr ihn braucht.

Ich bin in Gedanken bei Dir und wünsche Dir ganz viel Kraft und dass Du langsam zur Ruhe kommen kannst.

Liebe Grüße
Sabine

_________________
Manchmal fühle ich mich wie ein Baum, von dem alle Blätter gefallen sind. Doch ich weiß um meine Kraft, neue Blätter zu treiben.


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 01.09.2007, 21:40 
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Registriert: 29.08.2007, 07:26
Beiträge: 12
Liebe Sabine,

Danke für Deine lieben Worte.

Ja, ich war noch bei meinem Schatzi und habe ihm noch geagt, wie sehr ich ihn liebe. Und gebettelt, dass er mich nicht allein lassen darf. Denn trotz der klaren Worte einer Schwester, war ich ja immer noch ganz sicher, dass er es schaffen würde.

Ich habe dann noch gesagt, solange mich keiner bittet, irgendwas zu unterschreiben (Maschinen abstellen), solange lebt er noch und bis dahin fange ich auch nicht an zu heulen und zu trauern.

Also habe ich an seinem Bett gestanden. Ich versuchte, seine eiskalte Hand zu wärmen, in sein Ohr zu sprechen und gleichzeitig keine Schläuche zu berühren. Es war unbequem und ich sagte noch zu ihm, dass ich mir am nächsten Tag einen Stuhl besorgen wollte. Und dann bin ich ganz pünktlich zum Ende der Besuchszeit gegangen. Weil ich doch ganz sicher am nächsten Tag ohne Töchter und mit mehr Zeit wiederkommen wollte! Jetzt mache ich mir natürlich Vorwürfe, die Besuchszeit nicht einfach ignoriert zu haben. Ich hätte doch auch noch die andere Hand wärmen und irgendwo zwischen den Schläuchen einen Platz für einen Kuss finden wollen.

Und als wir dann doch am Abend wieder da waren, um ihn ein letztes Mal zu sehen, waren alle Schläuche ab. Und wieder war seine Tochter dabei. Zum Glück - ich hätte vielleicht gar nicht fahren können. Aber allein wäre ich am liebsten die ganze Nacht noch bei ihm geblieben - auch wenn es da schon zu spät war.

Seine großen Töchter versichern mir jetzt immer, wie zufrieden er gewesen sein muss. Weil sie ja wissen, wie er war, bevor wir uns kannten. Und wie sehr er sich durch mich und für mich geändert hat. Auch aus meinen Erzählungen hören sie immer nur Glück heraus. Aber ich hätte es eben gern von ihm gehört!


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