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 Betreff des Beitrags: So sollte es nicht sein.
BeitragVerfasst: 25.07.2007, 08:20 
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Ich weiß nicht so Recht, wo ich anfangen, was ich schreiben soll. Das hier ist mein erster/s Post, also hallo erstmal. Diese Seite habe ich nicht rein zufällig gefunden, ich denke, das ist eher unwahrscheinlich, aber überrascht (und froh) war ich dennoch, dass es sie gibt.

Ich bin 19 Jahre alt und habe gerade das zweite Semester meines Studiums im Ausland abgeschlossen. Meine kleine Schwester ist 17 und kommt jetzt in die 12. Klasse, meine Mutter 56. Mit dem Rest der erweiterten Familie haben wir keinerlei Kontakt.

Im Februar, also vor fünf Monaten, starb mein Vater im Alter von 57 Jahren. Er war relativ fit, wenn er sich auch ungesund ernährte, und wirkte irgendwie jung und lebenslustig, daher kam sein Tod überraschend. Im November fühlte er sich noch gut, hatte dann aber aus heiterem Himmel einen epileptischen Anfall. Zehn Wochen später war er tot. Diagnose: Zwei Gehirntumore mit unbekanntem Primärherd.

Es mag zwar völlig verrückt klingen, aber trotz dieser schlimmen Diagnose, und trotz allem theoretischen Wissen über das Gehirn, trotz all der rationalen Vorbereitung, trotz des immer schlechter werdenden Zustands, kam sein Tod für mich überraschend, vor allem, da es so schnell ging. Es hieß immer, die OP sei gut verlaufen, und dass nach der Strahlentherapie, die auch vollendet wurde, auch noch eine Chemotherapie angefangen würde. Man hörte Geschichten von Bekannten darüber, dass sie Leute kannten, die Jahre mit einem Tumor im Kopf lebten.

Der Neurochirurg sagte zwar einmal, heilen könne man es nicht, und er würde auf höchstens 2-5 Jahre tippen, aber das wäre ja länger gewesen, und selbst da hofft man doch irgendwie immer, man ist eine Ausnahme, in diesem Fall wird natürlich alles anders verlaufen. Alle taten so, als wäre das ganz klar, vor allem mein Vater selbst, und meine Mutter, die bis zum Tag vorher nicht glauben wollte, dass er sterben würde, obwohl sein Zustand zu diesem Zeitpunkt schon extrem schlecht war.

Im Krankenhaus taten die Ärzte immer so, als wäre meine Mutter hysterisch, sagten ihr, sie würde sich Ã?in etwas hinein steigernì. Nie war einer mal ehrlich zu uns, und die Ärzte widersprachen sich gegenseitig, teils auch sich selbst (Ã?das habe ich nie gesagt, das müssen Sie im Fernsehen gehört haben!ì), oder redeten sich heraus. Wir bekamen fast jeden Tag einen anderen Assistenzarzt zu sehen, der immer versuchte, uns auszuweichen oder wegzulaufen, immer ausrichten ließ, er sei nicht da, und keiner schien einen Überblick zu haben. Mit dem Oberarzt, der angeblich alle wichtigen Entscheidungen traf, dürften wir nie sprechen, so sehr wir auch darum baten, oder darauf bestanden. Natürlich hatte mein Vater keine private Zusatzversicherung für das Krankenhaus abgeschlossen, weil er sehr stur und in dieser Hinsicht naiv war.

Ich könnte jetzt ewig darüber erzählen, was alles schief lief, was mich so wütend machte, aber deshalb schreibe ich eigentlich nicht. Jedenfalls war uns nie völlig klar, was los war, was das alles sollte, was der weitere Plan für die Behandlung war. Man fühlte sich schrecklich alleine gelassen. Nur eine Sache will ich noch erwähnen: Der Zustand meines Vaters war später so schlimm, dass wir mit der Pflege zuhause absolut nicht mehr klar kamen, und er brach auch mehrmals zusammen, wenn sich ein Ödem im Gehirn bildete, oder sein Blutzucker zu hoch wurde (Kortisondiabetes). Laut Hausarzt hätte er ins Krankenhaus gehört, aber dort wurde immer nur punktuell behandelt, und er wurde nach spätestens zwei Tagen wieder raus geschmissen. So wurde er acht Mal in zehn Wochen ins Krankenhaus eingeliefert, und immer wieder entlassen, eine furchtbare Belastung für ihn, sowohl körperlich, als auch psychisch.

Selbst in den letzten Tagen, als er im Krankenhaus war, kümmerte man sich nicht um ihn. Wir hatten so Angst, etwas zu übersehen, weil sie ihm zum Beispiel seine Medikamente nicht gaben (er war alleine nicht mehr dazu fähig, sie zu nehmen), ihn halb aus dem Bett hingen ließen, die offenen Wunden vom Kortison nicht behandelten, und vor ihm sagten, dass das bei dem Allgemeinzustand sowieso schon egal sei, etc.

Zudem litt er wegen der Tumore an einem organischen Psychosyndrom. So bis Silvester war er körperlich noch ziemlich fit, wenn auch erschöpft von der Strahlentherapie. Allerdings war er extrem aufgedreht und unkontrollierbar, und driftete ständig zwischen Hypomanie und Manie. Er redete also zunächst ständig von seinen Fantasien, schmiss das Geld zum Fenster raus, ließ sich nichts sagen, überschätzte sich, war einfach generell völlig außer Kontrolle, und wurde wahnsinnig aggressiv, wenn man auch mal den Mund aufmachte. Teils driftete er dann sogar in milde Halluzinationen ab, und machte immer diese kreisförmige Handbewegung, mit starrem Blick. Es war fürchterlich mit anzusehen, das letzte Mal, dass ich meinen Vater wirklich sah, war eigentlich im September, als er noch er selbst war.

Meine Mutter sagte nichts dagegen, als er einen Laptop kaufte und auch ein neues Auto wollte (er war der Hauptverdiener, daher haben wir jetzt auch mehr finanzielle Probleme), aber wir hatten alle wahnsinnige Angst. Gegen diese Symptome wurde absolut nichts gemacht, bis ich einmal weinend bei einem Psychiater und Neurologen anrief, und ihn anflehte, uns vor Weihnachten noch einen Termin zu geben, weil mein Vater ihn persönlich kannte, und ich wusste, dass er ihm wahrscheinlich vertrauen würde. Aber auch er behandelte meinen Vater wahnsinnig unsensibel.

Ich weiß nicht, wie es eigentlich dazu kam, aber irgendwie war es dann so, dass aus mir Ã?die Böseì wurde. Meine Mutter ließ ihn machen und kaufen, und versuchte, sanft auf seine Aggressionen zu reagieren, was aber nicht funktionierte, da er einfach nicht mehr in der Lage war, zuzuhören oder etwas realistisch einzuschätzen. Teils war sie natürlich einfach hilflos und machte gar nichts, was ja in der Situation wirklich verständlich ist. Er war auch früher schon immer sehr aggressiv, es war so, als würden die Tumore all seine schlechten Seiten nur verstärken, und ich machte mir nie so bewusst, dass es nicht seine Schuld war...jedenfalls reagierte ich nicht so sanft. Vielleicht ist es auch, weil unser Verhältnis vorher nicht gerade gut war und ich es gewohnt war, meine Mutter gegen ihn zu verteidigen, jedenfalls versuchte ich, die Erwachsene zu sein, bekam es aber irgendwie nicht so hin. Ich nahm ihm seinen Geldbeutel weg, schrie zurück, sagte ihm, dass ich ihn hasse, und schnitt mich einmal vor seinen Augen selbst mit einem Messer, nachdem er meiner Schwester ausversehen die Tür auf den Fuß geschlagen hatte.

Es sind diese schrecklichen Bilder, mein verabscheuungswürdiges Verhalten, seine beängstigende Erscheinung, die mir immer wieder durch den Kopf gehen. Nachts habe ich furchtbare Albträume, wenn ich überhaupt einschlafe. Das letzte, was ich meinem Vater antat, war, ihn hasserfüllt zu behandeln, und ihm nichts zu gönnen, das er kaufen wollte. Ich bereue es so. Ich sage mir immer, wenn ich nur gewusst hätte, dass er so bald sterben würde, hätte ich mich vielleicht anders verhalten, aber wenn ich ehrlich bin, wäre es wahrscheinlich nicht so gewesen. Ich wäre ihm gegenüber genauso grausam gewesen, hätte mir genauso eingeredet, dass ich ihn hasse und es mir nicht wichtig wäre, wenn er stirbt. Meine Mutter hat mir das ganze nicht verziehen, und wird es mir auch nie verzeihen. Selbst ein Freund von mir sagt, es sei doch offensichtlich gewesen, dass er sterben würde, und dass ich die Situation ausgenutzt hätte, um mich selbst daran zu bereichern. Es stimmt, was sie sagen. Ich konnte mir der Lage nicht umgehen, und habe so schreckliche Fehler gemacht, die nie wieder gut zu machen sind.

Nach Neujahr ging es meinem Vater dann plötzlich schlechter, aber er wurde psychisch ein wenig klarer. Er war nur noch matt und gab zum Schluss auch die Hoffnung auf, sagte nichts mehr, und wenn er es tat, war er wegen seiner Wortfindungsstörungen (der Tumor lag am Broca-Areal) kaum verständlich und murmelte meistens Sachen, die keinerlei Sinn machten, und war oft orientierungslos. Nach endlosem Ringen bekam er endlich ein Krankenbett ins Wohnzimmer gestellt. Darin lag er dann den ganzen Tag und half auch nicht mit, wenn man ihn aufrichten und in den Rollstuhl setzen wollte. Nachts schrie er, antwortete aber den Ärzten jedes Mal mit Ã?nein!ì, wenn sie ihn fragten, ob er Schmerzen hätte. Er weigerte sich, die Urinflasche zu benutzen, und sagte es uns nie, wenn er auf die Toilette musste. Aufrichten konnten wir ihn nur schlecht, um ihn zu waschen, da er, obwohl abgemagert, aufgebläht und schwer war. Meine Schwester war während dieser schweren Zeit zum Glück nicht da, weil sie als Austauschschülerin im Ausland war (kam aber kurz an Weihnachten heim), konnte sich aber auch nie verabschieden, da ihr Flug zu spät ankam.

Zu der Zeit konnte ich einfach nicht mehr. Ich weiß, es klingt schwach und weinerlich, ich weiß, andere Menschen haben jahrelang Krebs und werden von ihren Angehörigen gepflegt, machen mehrere Chemotherapien durch, was ich meinem Vater auch gar nicht so gewünscht hätte, aber mich hat das schon überfordert. Besonders dieses Gefühl des Alleingelassenwerdens.

Nach dem Tod meines Vaters begang ich den nächsten Fehler: Ich flog zwei Tage nach der Beerdigung ins Ausland zur Uni zurück und ließ meine Mutter im Stich. Nur weg von zuhause. Bei der Beerdigung weinte ich nicht, und auch sonst nicht, weswegen sie wahrscheinlich annahm, dass es mir nichts ausmachte. Zu diesem Zeitpunkt war ich einfach nur völlig betäubt und erschöpft. Vor allem ging ich, weil ich Angst vor den Vorwürfen wegen meines Verhaltens hatte, und weil sie sich immer gerne Ã?anlehntì, und ich wusste, dass ich ihr keine gute Hilfe wäre, sondern meine ganze Angst nur an ihr auslassen würde.

Ich übernahm also nicht die Verantwortung für meine Familie, wie ich es hätte machen sollen, sondern ging zurück und nahm mein Studium wieder auf. Das Studium selbst tat mir zwar gut, aber mit der Umgebung, die erst so wunderbar ablenkend schien, kam ich einfach nicht klar. Es war, als wäre ein riesiger Spalt zwischen mir und allen anderen Menschen, und es machte mich so wütend, so wütend, dass sie unbeschwert feiern konnten und es ihre größte Sorge war, ob ein gewisser Junge sie mochte oder nicht. Die meisten Studenten haben so etwas noch nicht erlebt, daher verstehen es selbst die Freunde, die es wirklich gut meinen, nicht, und haben Angst davor, dass es erwähnt werden könnte. Damit komme ich immer noch nicht zurecht. Nach ein paar Monaten meinen die meisten Leute eben, dass es jetzt aber mal genug getrauert ist, und sind genervt davon, wenn man nicht mit feiern möchte. Die meisten Menschen mögen einen nur, wenn man sich verstellt, das habe ich daraus gelernt.
Eine Ã?Freundinì sagte mal zu mir: Ã?Das ist eben scheiße. Ich meine, ich kannte auch schon Leute, die gestorben sind.
Man darf das eben nicht so an sich ran lassen.ì

Seit Juni bin ich jetzt erstmal bis September wieder zuhause, aber diese Sache wird immer zwischen mir und meiner Mutter stehen. Sie ist enttäuscht von mir, und redet auch ständig darüber. Außerdem fragt sie mich Dinge, von denen ich keine Ahnung habe, zum Beispiel, ob sie ihre Lebensversicherung vorzeitig kündigen soll, oder nicht. Ich bemühe mich schon, erwachsen zu sein und diese Dinge zu übernehmen, aber irgendwie kenne ich mich damit überhaupt nicht aus und habe Angst. Ich sollte diese Dinge wissen!

Auch die anderen Menschen wissen immer alles besser. Wir leben in einer Kleinstadt, also bekomme ich ständig von allen gesagt, wie schlimm es ist, dass ich meine arme Mutter so im Stich lasse. Selbst die Besitzerin eines Restaurants, die ich nicht einmal namentlich kenne, meinte, mir das mitteilen zu müssen. Als wüsste ich das nicht sowieso! Ich hasse diese Kleinstadt und alle Menschen darin, aber eigentlich alle Menschen.

Die Sache ist die, dass ich irgendwie dachte, es wird leichter mit der Zeit. Das stimmt nicht. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr wird mir bewusst (vielleicht auch dadurch, dass ich jetzt hier bin), was Ã?nie mehrì bedeutet. Außerdem scheinen die anderen Menschen zu vergessen, und man ist nur noch einsamer als vorher.

Ich kann nicht mehr, und ich will auch nicht mehr können. Irgendwie verstehe ich nichts mehr, auch mich selbst nicht. Statt dass ich weine, bin ich nur wütend, den ganzen Tag, meistens auf Menschen, die gar nichts dafür können, oder auf ganze Menschengruppen. Jemand braucht nur das Wort Ã?Gottì zu erwähnen, und ich flippe total aus und sage ihm oder ihr, dass das ganze eine Fantasie für Kinder ist, genau wie der Osterhase. Bei Siemens, wo ich jetzt einen Sommerjob habe, erwähnt vielleicht jemand, dass er gerne einen Porsche hätte, wenn er in Rente geht, und ich koche innerlich Tage, Wochen lang vor Wut über seine Luxussorgen. Das gleiche trifft auch auf andere Situationen zu, in denen ich absolut nicht provoziert werde. Wenn jemand weint, habe ich irgendwie das Bedürfnis, ihn zu ohrfeigen, ich muss immer gewinnen, alles kontrollieren, und absolut perfekt in allem sein. Selbst auf meine Freunde bin ich teils ohne Grund wütend und distanziere mich dadurch auch von ihnen. Die Großmutter einer Freundin ist sehr krank, und ich habe kein Mitleid, sondern denke mir nur, dass sie sowieso schon alt ist und frage mich, warum diese Freundin bitte überhaupt noch Eltern und Großeltern hat, als hätte sie kein Recht dazu.

Ich weiß nicht, was mit mir los ist, es ist doch wirklich einfach nur dumm von mir, so zu reagieren. Ich habe Angst, all mein Mitgefühl und meine guten Seiten zu verlieren. Ich habe einfach keine Gefühle mehr, nur noch Wut und Traurigkeit.

Tut mir Leid, dass das hier so lange geworden ist, aber ich dachte, vielleicht hilft es, das alles mal aufzuschreiben. Hat es aber scheinbar nicht.


Zuletzt geändert von Mia am 28.03.2008, 10:14, insgesamt 2-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 26.07.2007, 08:15 
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Oh Mia, das ist aber harter Tobak, den Du da erlebt hast...

Zunächst mal, was andere denken oder tun, ist vollkommen unerheblich.

Dann:

Du bist missbraucht worden, psychisch, von Deiner Mutter und allen Erwachsenen um Dich herum, die kläglich und jämmerlich versagt haben, alle nur gute Ratschläge oder Hinweise geben können, aber nichts MACHEN.

Du bist 19 Jahre alt - ein Kind! Für mich bist Du ein Kind, dem übel mitgespielt wurde, weil es alleine gelassen wurde und die Aufgaben übernehmen wollte, die die Erwachsenen nicht wahrgenommen haben.

Die Dinge, die Du im Krankenhaus erlebt hast, sind grausam. Irgendwann einmal könntest Du den verantwortlichen Stellen die Informationen darüber zukommen lassen. So habe ich es gemacht mit dem Heim, in dem meine Schwiegermutter lebte. Es ist immer gut, wenn die Entscheidungsträger wissen, wie es an der Basis aussieht.

Mia, Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie wütend ich bin nach dem Lesen Deiner Zeilen. Da hat es Deine Mutter, die Erwachsenen um Dich herum geschafft, dafür zu sorgen, dass Du selbst und alle anderen Dich jetzt also als die Böse ansehen. Na Bravo. Sie selbst haben kläglich versagt, waren zu feige, sich korrekt zu verhalten und haben Dich machen lassen...

Es ist ein Ding der UNMÖGLICHKEIT, eine 19-Jährige ihren Vater pflegen zu lassen! Das geht nicht, Hergottnochmal! Kein Wunder, dass Du Albträume hast.


Zitat:
Teils war sie natürlich einfach hilflos und machte gar nichts, was ja in der Situation wirklich verständlich ist


Für Deine Mutter hast Du Verständnis - und für Dich?


Zitat:
Nach dem Tod meines Vaters begang ich den nächsten Fehler


Ach ja? Bisher hattest Du keine Fehler gemacht - Du nicht, alle anderen schon, finde ich, besonders Deine Mutter!

Zitat:
Ich übernahm also nicht die Verantwortung für meine Familie, wie ich es hätte machen sollen, sondern ging zurück und nahm mein Studium wieder auf.


Seit wann müssen Kinder die Verantwortung für die Familie übernehmen? Wo ist die Mutter, wo sind die Freunde, Bekannten, Nachbar,n wo ist die Dorfgemeinschaft? Wo ist die Restauranttante, die meint, ihr Schandmaul aufreißen zu müssen? Helfen die Deiner Familie?

DIES, meine liebe Mia, ist ein Fehler, den Du machst: Du denkst tatsächlich, DU hättest etwas falsch gemacht. Und schämst Dich dafür, dass Du Dein Leben wieder aufgenommen hast...


Zitat:
Sie ist enttäuscht von mir, und redet auch ständig darüber.


Was fällt ihr eigentlich ein? Ich hätte große Lust, sie zur Rede zu stellen und sie zu fragen, warum sie ihr Kind psychisch missbraucht, warum sie Dich quält und zugesehen hat, wie Du Dich geschnitten (geritzt?) hast...

Meine liebe Mia, ich kann Dir nur raten:

1. Verbiete allen den Mund, die es wagen, Dir jetzt kluge Ratschläge oder Vorhaltungen machen zu wollen und sage ihnen, sie hätten mal früher reagieren sollen...

2. Sieh zu, dass Du wieder an Deinen Studienort fährst, und fange an, Dein normales Leben wieder aufzunehmen.

3. Sei SANFT zu Dir, verurteile Dich nicht! Du bist gereizt und wütend wegen der Alltagsproblemchen Deiner Mitmenschen? Bravo! Das ist normal nach Deinen Erlebnissen - also verurteile Dich dafür nicht. Das geht sowieso vorrüber...PFLEGE jetzt Dich! Und nicht die Marotten und dummen Gedanken Deiner Mutter oder sonstigen Mitmenschen! DU bist jetzt wichtig!

Ich bin sooo wütend!!

Alles Gute - Kopf hoch!


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BeitragVerfasst: 28.07.2007, 12:34 
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Wow! Das ist wirkich starker Tobak, ich kann Christa nur zustimmen.

Mia, Du hast Deinen Vater verloren, das ist eines der heftigsten Erlebnisse im Leben jedes Menschen. Mit dem Tod umzugehen, in Trauer zu sein mit all den Erlebnissen, die dazu gehören: Beerdigung, Trauerfeier, Ansehen eines Sarges usw. - das ist heftig. Da solltest Du jetzt erstmal Dich um Dich selbst kümmern und Dich selbst ein wenig verwöhnen und pflegen.

Alles Gute!


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BeitragVerfasst: 28.07.2007, 17:43 
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Hallo Mia,

es tut mir wirklich sehr leid, was du alles durchmachen musstest.

Aber ich muss Christa absolut zustimmen. DU musst keine Verantwortung für deine Familie übernehmen, zumindest nicht in dem Maße, in dem du es dir vorstellst.
Du hast NICHT versagt!!!

Geh wieder zurück an deinen Studienort und überlasse deine Mutter ihrer eigenen Verantwortung. Sie ist doch wohl kein kleines Kind und muss einfach lernen, mit der Situation zurecht zu kommen, so wie auch du das mußt.

Und dass sie dir Vorwürfe macht, finde ich echt unmöglich. Du hast, wie mir scheint, mehr getan, als so manch anderer bereit wäre zu tun.

Wenn deine "Freunde" nicht verstehen, dass du nicht feiern möchtest, dann lass sie laufen. Irgendwo gibt es jemanden, der dich versteht und mit dem du reden kannst. Allerdings musst du dich auch öffnen und andere an dich ranlassen.
Natürlich vergeht deine Wut irgendwann von alleine, wie Christa schon geschrieben hat, allerdings denke ich, du solltest versuchen, sie nicht an denen auszulassen, die dir helfen wollen. Denn dann kann es passieren, dass du irgendwann wirklich ganz alleine da stehst, und seien wir mal ehrlich, irgendjemanden (Freund, Freundin, Geschwister, Mutter (die scheint allerdings flach zu fallen ;-) ) brauchen wir alle...

Ich wünsche dir viel Kraft!
LG

Nicole


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BeitragVerfasst: 29.07.2007, 16:55 
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hallo MIa,

kann es sein, dass Du Dich nicht von Deinem Vater verabschieden konntest? Ist das vielleicht nicht so bewußt gelaufen. Ich denke, dass Abschiednahme von Verstorbenen so wichtig ist. Leider lernt man sowas erst lange nach einer Trauerfeier.


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BeitragVerfasst: 31.08.2007, 20:05 
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Ersteinmal ein liebes danke an euch alle. Es tut gut, das Gefühl zu haben, dass einem vielleicht verziehen werden kann, auch wenn es Fremde sind, die das so sehen. Am schwierigsten ist es aber dennoch, sich selbst zu verzeihen. Mit meiner Familie kann ich nicht darüber reden, das ginge gar nicht, und für meine Freunde ist das Thema irgendwie "erledigt".

Aber Christa, als "Kind" kann man mich mit meinen seit ein paar Tagen 20 Jahren nun wirklich schlecht bezeichnen. Das wäre wie eine Ausrede, und vielleicht sogar eine Entschuldigung, wenn ich 5 Jahre jünger wäre, aber so nicht. Erwachsen ist man nicht aufgrund einer Zahl, sondern aufgrund der Erfahrungen und der Situation, die es so erfordert. Und ich weiß, dass ich es in vielerlei Hinsicht nicht bin, dass ich unausgeglichen, unsicher und schlecht in emotionalen Dingen und im Umgang mit Gefühlsausbrüchen bei anderen Menschen bin, aber das ist keine Ausrede für mein Verhalten.

Ich hoffe ja, dass eines Tages alles ein bisschen besser wird, aber bis jetzt ist es nur schlimmer geworden. Vielleicht, weil ich es am Anfang alles irgendwie verdrängt habe, aber jetzt denke ich viel darüber nach, und es wird nicht leichter. Besonders nachts verfolgt es mich wahnsinnig, die Fehler, die ich gemacht habe, diese wahnsinnige Wut auf andere Menschen (z.B. die Ärzte). Und ich vermisse meinen Vater jetzt, was am Anfang nicht wirklich so war, weil es jetzt mehr Dinge gibt, die inzwischen passiert sind, und die ich ihm gerne erzählen würde, weil es irgendwie realer ist, dass er nie mehr wieder kommt. Aber ich würde so gerne schreiben, dass es nach ein paar Monaten nun endlich besser wird, wie man das immer so hört, wird es aber nicht.

Jedenfalls danke ich euch, und wünsche euch auch viel Kraft.


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BeitragVerfasst: 01.09.2007, 09:11 
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Liebe Mia,

Zitat:
Aber Christa, als "Kind" kann man mich mit meinen seit ein paar Tagen 20 Jahren nun wirklich schlecht bezeichnen. Das wäre wie eine Ausrede, und vielleicht sogar eine Entschuldigung, wenn ich 5 Jahre jünger wäre, aber so nicht. Erwachsen ist man nicht aufgrund einer Zahl, sondern aufgrund der Erfahrungen und der Situation, die es so erfordert.


Erwachsen IST man NICHT sondern WIRD man mit der Zahl seiner Erfahrungen. Und bei diesem "Erfahrungen sammeln" macht man auch Fehler. Nur so lernen wir. Trotzdem hast Du für alles und jeden Verständnis, nur für Dich selber nicht? Du forderst von Dir 150%, während die anderen nur 50% geben müssen, damit Du sie entschuldigst?

Mia, Du hast in der Situation getan und gegeben, was Du in dem Moment KONNTEST. Im Nachhinein ist man immer klüger.

Mia, es wird noch lange dauern, Dein Weg durch die Trauer. Dein Zorn auf die Ärzte ist normal.
Das mit dem Dinge erzählen wollen kenne ich auch. Ich sah ein Kleidungsstück im Schaufenster und dachte, das wäre was für Andreas...Und dann hat es mich fast zerrissen, als mir wieder aufging, dass er es nicht mehr braucht...Oder ich erlebte eine komische Situation und dachte, dass muss ich ihm heute abend erzählen...Es tut so sauweh, wenn dann immer wieder die Erkenntnis kommt, dass das nicht mehr geht...

Bitte, pass auf DICH auf jetzt. Sei ein wenig nachsichtiger mit Dir, versuche es immer wieder. Du musst nicht perfekt sein und wenn Du es wärest, wie schwer zu ertragen wärest Du dann für andere Menschen, die eben Fehler machen?

Liebe Grüße
Sabine

_________________
Manchmal fühle ich mich wie ein Baum, von dem alle Blätter gefallen sind. Doch ich weiß um meine Kraft, neue Blätter zu treiben.


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Warum wird es nicht leichter? Jetzt sind es 9 Monate, und irgendwie werden manche Dinge nur schwerer, nur realer. In mancher Hinsicht war der Anfang leichter, als ich einfach gar nichts gefühlt habe. Jetzt denke ich ständig darüber nach und möchte eigentlich darüber reden, und jetzt ist es zu spät. Jetzt ist die Sache abgehakt.

Ich habe Angst vor Weihnachten. An Weihnachten werden die ganzen Erinnerungen zurück kommen, all das, wie schlimm das letzte Weihnachten war, und was ich getan habe. Und die Weihnachten davor.

Ich finde es so furchtbar, dass hier in Schottland schon Mitte Oktober alle Geschäfte Weihnachtsdekoration und Weihnachtslieder hatten. Ich kann das nicht haben, es ist lächerlich, aber irgendwie gerate ich dabei richtig in Panik, richtig physisch in Panik.

Ach, keine Ahnung, ich kann einfach nicht mehr. Ich mag nicht mehr.


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Mia hat geschrieben:
Warum wird es nicht leichter? Jetzt sind es 9 Monate, und irgendwie werden manche Dinge nur schwerer, nur realer. In mancher Hinsicht war der Anfang leichter, als ich einfach gar nichts gefühlt habe. Jetzt denke ich ständig darüber nach und möchte eigentlich darüber reden, und jetzt ist es zu spät. Jetzt ist die Sache abgehakt.

Ich habe Angst vor Weihnachten. An Weihnachten werden die ganzen Erinnerungen zurück kommen, all das, wie schlimm das letzte Weihnachten war, und was ich getan habe. Und die Weihnachten davor.

Ich finde es so furchtbar, dass hier in Schottland schon Mitte Oktober alle Geschäfte Weihnachtsdekoration und Weihnachtslieder hatten. Ich kann das nicht haben, es ist lächerlich, aber irgendwie gerate ich dabei richtig in Panik, richtig physisch in Panik.

Ach, keine Ahnung, ich kann einfach nicht mehr. Ich mag nicht mehr.


Liebe Mia,
es wird leichter, glaube es mir. Es hat alles seine Zeit und es sind die weisen Worte einer "alten Frau" (57!Lehrerin!), die das zu Dir sagen - mit ganz anderen Lebenserfahrungen. Aber ich habe auch erst in diesem Jahr im März meinen Vater verloren und ich meine das Wort "verloren" wirklich als Verlust. Vier Wochen später hatte ich eine schwere Gehirnblutung, die ein Trauma für mich war, die ich aber ohne (sichtbare) Folgeschäden überstanden habe. Die Jahre meines Lebens davor mit Scheidung, zwei Kindern allein erziehend, Alkoholikerfreund e.t.c. mag ich Dir gar nicht schildern.
Außerdem haben schon viele Leute vor mir in diesem Forum kluge Dinge zu Dir gesagt, dem brauche ich nichts weiter hinzuzufügen. Unterm Strich muss man einfach irgendwann Frieden mit sich selbst schließen und erkennen, dass nur wir alleine - jeder für sich - für sein Glück oder Unglück zuständig sind und versucht haben, das "Beste", was wir in dem Moment geben konnten, zu geben. Zu erkennen: Liebe in vielfältiger Form - sei es jetzt zwischen Partnern, Kindern, Verwandten, Freunden - ist ein kostbares Geschenk; vor allem in dem Fall, wenn man liebt und w i r k l i c h zurückgeliebt wird. Und deshalb sollte man mit den Menschen, die einen hier unten enger auf unserer Reise begleiten, vielleicht besonders liebevoll und achtsam umgehen und froh sein, dass man sie hat und sie auch weiter begleiten darf....Denn es kann eben von jetzt auf gleich aus sein, ob jung oder alt. Und nichts lässt sich erzwingen.....Wenn manches nicht nach "meinem Plan" läuft, sondern ganz anders, dann ist das eben so und ich muss versuchen, eine Situation zu schaffen, die m i r gut tut. Ich habe die verdammte Pflicht, mich um mich selbst zu kümmern, zunächst mal mit mir selbst glücklich zu sein. Das kann dann sicherlich auch auf andere ausstrahlen....
Frag Dich doch mal einfach: Wie möchte ich am liebsten Weihnachten feiern? Was würde mir denn gut tun? Und dann folge Deinem Herzen....
Ich umärmel Dich virtuell
Anne

_________________
Let it be....


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BeitragVerfasst: 24.11.2007, 17:41 
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Zitat:
Ach, keine Ahnung, ich kann einfach nicht mehr. Ich mag nicht mehr.


Ja, das kenne ich. Irgendwann hat man keine Lust mehr, auf gar nichts, auch nicht auf das Verstehen!! Das ist so brutal, aber es ist auch nur vorrübergehend...ES WIRD BESSER - glaub mir...

Alles Gute!


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BeitragVerfasst: 26.12.2007, 03:33 
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Hallo,

und danke nochmal für eure lieben Worte. Ich hoffe, Weihnachten war/ist nicht zu schlimm für euch.

Ich kann es kaum glauben, dass es schon wieder ein Jahr her ist, seitdem mein Vater so krank war. Einerseits hat sich seitdem so viel verändert und das Leben vorher scheint weit entfernt, andererseits ist dieses unglückliche letzte Weihnachtsfest doch so präsent. Da kommen jetzt natürlich besonders die Erinnerungen hoch, und vor allem für meine Mutter ist es sehr schwer.

Naja, es ging schon. Ich hatte nicht erwartet, dass es leicht werden würde. Und ich kenne mittlerweile meine Schwächen darin, mit meiner trauernden Mutter liebevoll umzugehen, obwohl ich weiterhin mein bestes versuche, und es mir in einigen Bereichen jetzt etwas mehr gelingt.

Wie es mir selbst geht, weiß ich nicht so recht. Ich konzentriere mich darauf, ihr zu helfen, und vielleicht hilft mir das auch. Nur leider werde ich dadurch sehr pragmatisch und kalt, und bin wohl wirklich nicht mit dem Herzen dabei. Ich weine nicht. Ich koche, ich mache die Küche, ich gehe zur Bank, ich kaufe ein, ich wasche Wäsche, ich bespreche Rechnungen mit meiner Mutter, ich kümmere mich um die Reparatur des Internets, ich fahre mit meiner Mutter zum Friedhof, wo ich die Pflanzen auf dem Grab ordentlich arrangiere. Aber ich bin nicht wirklich "da", wie auch sie bemerkt hat (emotionale Wärme fehlt ihr). Ich mache es ganz gefühlskalt, und irgendwie macht mir das Angst. Ich bin unfähig, im praktischen Sinn stark zu sein und trotzdem Gefühle zu zeigen, oder überhaupt Gefühle zu fühlen.

Nur nachts ist alles anders. Ich kann immer noch nicht schlafen, weil irgendwie auf einmal so eine große Panik kommt. Ich bekomme Angst vor allem, die Erinnerungen kehren zurück, die Schuldgefühle sind so stark, ich mache dies falsch, ich mache jenes falsch, ich mache alles falsch, mir darf nicht vergeben werden. Meine Schwester, meine Mutter und ich sind die einzigen, die noch "übrig" sind. Alles hängt an meiner Schwester und mir, und sie ist doch noch ein Kind. Ja, sie ist auch schon 17, aber dennoch ist sie irgendwie ein Kind, und von praktischen Dingen hat sie schon gar keine Ahnung (was ich ihr nicht vorwerfen kann - hatte und teils habe ich auch nicht). Also hängt alles von mir ab. Und was, wenn ich versage? Ich kann das nicht, ich bin noch nicht bereit dazu, Särge auszusuchen, die Hypothek des Hauses abzubezahlen, alles mit den Versicherungen zu klären, mich gegen die Bankleute durchzusetzen. Ich habe so viel Angst, und in meinem Alter sollte ich die nun wirklich nicht mehr haben.

Nur wir sind übrig, und meiner Mutter geht es so schlecht. Ich verscuhe, ihr zu helfen, aber es wird einfach nicht besser. Außerdem ist sie so gefährdet für Krebs, Herzinfarkte, Unfälle, etc. (schlechte Gene, ungesunder Lebensstil, schlechter Fahrstil...), und sie verhält sich auf einmal so "alt" - aber sie darf doch noch nicht alt sein! Ich habe so eine Angst, dass sie stirbt, und wenn sie jetzt sterben würde, würde ich das nicht schaffen. Selbst für meine Schwester nicht.

Und ich weiß, dass ich es gut habe, ich weiß doch, dass ich froh sein muss, eine Familie zu haben, Freunde zu haben, aber wenn ich mir das alles so ansehe, erfüllt mich dennoch so ein Hass auf alles und jeden. Wut auf meine beste Freundin, die mir viel bedeutet, aber der ich es nicht gönnen kann, dass ihre beiden Eltern und ihre Großeltern noch am Leben sind, Wut auf meine anderen Freunde dafür, dass sie die Verantwortung nciht verstehen, Wut auf meine Mutter dafür, dass sie so schwach wirkt, Wut auf meine Schwester dafür, dass sie nicht mehr Verantwortung übernimmt, Wut auf die alten Menschen auf dem Friedhof, Wut auf die religiösen Freunde meiner Mutter, die so tun, als hätte das alles irgendeinen Sinn, aber am meisten Wut auf mich selbst dafür, dass ich das alles nicht besser schaffe. Dass ich so ein schlechter Mensch bin, der es auch nicht schaffen will. Dass ich so egozentrisch bin, dass ich hier einen ganzen Kommentar darüber schreibe. Dass ich im Selbstmitleid versinke, während es anderen Menschen viel schlechter geht. Dass ich die guten Seiten meines Vaters nie richtig zu schätzen wusste, dass ich nicht liebevoller zu ihm war.

Und gerade nachts, wie jetzt zum Beispiel, wird die Wut so groß, dass ich nicht mehr weiß, wohin damit, weil mir richtig schlecht wird.

Ich vermisse meinen Vater, aber gleichzeitig bin ich so wütend auf ihn für alles, was er über die Jahre hinweg meiner Mutter angetan hat, und habe Angst, auch mal so aggressiv und verbittert zu werden, wie er es war. Ich werde von Tag zu Tag mehr wie er. Und wie kann ich es überhaupt wagen, das zu denken - er ist tot, ich sollte nur gute Dinge über ihn denken. Warum bin ich so kalt und schaffe es nicht, ein einziges Mal mit meiner Mutter eine Träne zu vergießen?

Es tut mir Leid, aber ich musste das jetzt einfach schreiben, es musste raus. Hat noch jemand Angst vor dem neuen Jahr?


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 Betreff des Beitrags: Jahrestag
BeitragVerfasst: 03.02.2008, 02:37 
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Heute, am 2. Februar, war es also ein Jahr her. Schon ein Jahr. Erst ein Jahr. Es war ein sehr langes, hartes Jahr voller Veränderungen, und trotzdem hat es mir Angst gemacht, dass es schon ein Jahr her sein soll. Ein Jahrestag ist doch irgendwie sowas, wo man sagt, dass das "Trauerjahr" zu Ende geht. So, als dürfte man danach nicht mehr trauern. "Danach ist es ja sowieso schon so lange her, warum kommst du nicht endlich darüber hinweg?"

So fühlt es sich aber nicht an. Es wird nicht leichter. All diese Rituale, der Friedhof, das Kirchenzeug und all das, es hat mir so wenig bedeutet. Ich bin einfach nur kalt und hart, und ganz ruhig. Sehr leer. Für meine Mutter war es sicher gut, ihr war das wichtig. Aber mit dem Herzen dabei sein konnte ich nicht, und das macht mir Angst.

Es ist, als wäre mir das alles ganz egal, und das denken auch alle, obwohl es nicht stimmt. Ich kann es nur irgendwie nciht zeigen. Manchmal werde ich aggressiv, ziemlich oft sogar, aber in der Öffentlichkeit weinen oder so etwas - das geht gar nicht. Und dann warf mir heute ein Mensch, der ein guter Freund ist, der mich kennt, seit wir 6 Jahre alt waren, vor, überhaupt nicht traurig zu sein, dass mein Vater tot ist. Und meine Mutter stimmte ihm zu. Sie stimmen alle zu.

Meine Mutter ist immer das Opfer, und manchmal hasse ich sie dafür. Noch mehr hasse ich aber mich selbst, dafür, dass ich nicht emotionaler sein kann. Dass ich nicht liebevoller sein kann. Dass ich nicht darüber reden kann.

Ich vermisse ihn schon auch, nur kann ich irgendwie nicht mehr, und ich kann das auch nur sehr schlecht zeigen. Und ich möchte nicht daran erinnert werden, was passiert ist, ich möchte es am liebsten alles vergessen.

Ein Jahr.


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 Betreff des Beitrags: Und es wird DOCH leichter.
BeitragVerfasst: 28.03.2008, 10:30 
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Beiträge: 22
Wohnort: Herzogenaurach/Stirling
Nach über 13 Monaten merke ich nun, dass es eben doch "weiter geht". Nachts sehe ich die Bilder oft noch vor mir, aber tagsüber geht es inzwischen (meistens), und selbst nachts ist es nicht mehr so intensiv, wie es mal war. Es ist nicht so, dass der Verlust weniger stark präsent ist, nur ist der Schock, die Umstellung der ganzen Situation nicht mehr so stark. Der Schmerz ist ein klein wenig "blasser" geworden, er steht ein bisschen weniger im Vordergrund. Man muss sich eben doch an die neue Situation gewöhnen, und für mich war es doch eine Veränderung, als ein Jahr vorbei war. Eben weil die ganzen Jahrestage vorbei waren, weil er heute vor einem Jahr auch schon nicht mehr dabei war.

Manche Dinge gehen immer noch nicht. Es versetzt mir einen wahnsinnigen Stich, wenn meine Mitbewohner über die Silberhochzeit ihrer Eltern, oder den 60. Geburtstag ihres Vaters reden, wenn sie erzählen, wie ihre Eltern Pläne für die Rente machen. Es sollte alles ganz anders verlaufen, und das ist etwas, das ich wohl nie akzeptieren werde. Wütend werde ich irgendwo wohl immer sein. Eifersüchtig wohl auch. Es ist kein schöner Charakterzug, und ich weiß, dass es viele Menschen sehr viel schlechter haben als ich...aber es ist eben doch schwer zu unterdrücken.

Das andere, was es mir etwas schwer macht, ist, dass ich Psychologie studiere und wir dieses Semester sehr neurophysiologisch voran gehen. Es geht ständig um das Gehirn und Schädigungen im Gehirn, Verhaltensstörungen, Tumore, Parkinson, Alzheimer, Schmerzempfinden, etc. Manchmal bekomme ich vor einer Vorlesung richtig Panik, weil ich nicht weiß, was heute wieder alles erwähnt wird. Oft sitze ich in der Vorlesung und kann mich nicht richtig konzentrieren, und die Erinnerungen kommen wieder hoch. Das passiert so schnell. Ich möchte das nicht. Ich möchte es auch mal für eine Minute "vergessen" dürfen. Und manchmal frage ich mich, wie ich je durch dieses Studium kommen werde, wenn ein einziges Wort schon reicht, um mich abzulenken. Wenn ich während eines Filmes über Gehirnoperationen (die in dem Film natürlich ganz toll funktioniert haben...), den wir uns in einem Seminar ansehen, zu heulen anfange. Wenn ich während der Diskussionsrunde, die wir nach solchen Filmen habe, einer Mitstudentin gegenüber ziemlich bissig auftrete, nur weil sie sagt, dass sie findet, dass solche Sachen die Familie doch nur stärker machen.

Andererseits hat wohl jeder solche Momente, in denen es schwerer wird, und dieses Semester wird auch vorbei gehen. Und es ist leichter geworden. Ich kann jetzt über meinen Vater reden. Das erste Mal habe ich das gemerkt, als wir über Rezepte geredet haben, und ich amüsiert sagen konnte, dass mein Papa nie Mehl in eine Soße gegeben hätte, weil das seiner Meinung nach nur Leute taten, die nicht kochen können. Ich weiß, es klingt wie eine Kleinigkeit, aber ich konnte es sagen, ohne dass es so schrecklich weh tat. In dem Moment ging es dann wirklich nur ums kochen.

Was ich damit sagen will ist: Es wird leichter in dem Sinn, dass es mehr zum Alltag wird. Zumindest in meiner Situation wurde es das - natürlich kann es bei schlimmeren Verlusten ganz anders sein. Es kann leichter werden, wenn man es lässt. Aber es braucht Zeit.


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